22. April 1945: Pater Kentenich hielt die Frühmesse um 7:00 Uhr, da Pfarrer Kulmus in Laichingen festsaß. Die Gemeinde strömte zur Kirche. Auf allen Gesichtern stand Angst und bange Erwartung des Kommenden. Doch man spürte förmlich, wie alle aufatmeten und wieder Mut schöpften bei der Ansprache. Die Predigt klang aus in den Hinweis: Mater habebit curam, die Gottes-mutter wird schon sorgen.
Die Leute gingen ermutigt und gestärkt durch das Wort und Brot des Lebens in den entscheidungsvollen Tag hinaus.
(Während der Frühmesse) kam der Feind ins Dorf. An unserem Kapellchen fiel ein Schuss, eine Kugel ging durchs Fenster und auf der anderen Seite wieder hinaus, ohne irgendwie zu schaden.
Kaum hatten wir die Kirche verlassen, da fielen die ersten Schüsse. Die Leute rannten in gebückter Haltung unter dem Kugelregen heim. ...
Sie griffen nach Decken und Deckchen von Tisch und Kommode und winkten damit dem heranziehenden Feind.
(Sonntag, 22. April 1945)
Da kamen schon die ersten großen Panzer angefahren, rechts und links begleitet von Soldaten zu Fuß, die zu drei oder vieren in jedes Haus stürmten und nach Waffen und Soldaten suchten! – Ganz ohne Kampf (wie ein Kinderspiel) war der Ort genommen worden, innerhalb einer Viertelstunde. Die zuvor abgegebenen Schüsse waren nur Signal-Luftschüsse gewesen.
Weil sie von den Bewohnern nicht beantwortet wurden zum Zeichen der Kampfesbereitschaft, zog man ohne jeglichen Beschuss ein.
Die SS ist zur Abwehr nicht mehr recht-zeitig ins Dorf gekommen. Gottlob!
(Sonntag, 22. April 1945)
22. April 1945: Am Morgen übernahm Herr Pater mit Pater Bezler in der Kirche den gesamten Sonntagsgottesdienst. Herr Pfarrer Kulmus war am Tag zuvor auf seine Filiale nach Laichingen gefahren und war durch die einsetzenden Kämpfe an der Rückkehr gehindert worden. Darum war Pater Bezler als männlicher und geistlicher Beschützer während der Nacht im Pfarrhaus geblieben, Kaplan Huyeng zum gleichen Zweck in christlicher Nächstenliebe ins benachbarte evangelische Pfarrhaus gegangen. Dieser Pfarrer wurde eingezogen. Herr Pater wollte von seiner „Einsiedelei“ aus das durch seine Lage besonders bedrohte Gotteshaus schützen.
Durch die Gemeinde ging durch Pater Kentenichs Hiersein ein freudiger Zug. Herr Pater war den Bewohnern durch kurze Besuche über viele Jahre schon bekannt. Jetzt wurde er der Bevölkerung durch den langen Aufenthalt ein mit ihren Verhältnissen ganz Vertrauter. Wie viele ... Männer und Frauen aus der Gemeinde besprachen sich mit ihm und ließen sich von ihm beraten.
Mit der größten Schlichtheit und Einfachheit machte Pater Kentenich dem Volk die tiefsten Glaubenswahrheiten in der Predigt verständlich. Auf der Straße oder sonst beim Zusammentreffen mit den Leuten zeigte er für ihre größten und kleinsten Dinge vollstes Verständnis. Sogar für ihr Vieh brachte er Verständnis auf. Wir sagten immer: Pater Kentenich ist noch viel menschlicher geworden.
Durch die Kriegsverhältnisse war im Pfarrhaus eine seltsame klerikale Einwohnerschaft: Außer Herrn Pfarrer Kulmus mit seiner Schwester und einigen evakuierten Verwandten war noch ein von der Diözese Münster beauftragter älterer Kaplan (Huyeng, mit seiner Haushälterin), dem die vollkommen selbstständige Betreuung der Evakuierten in den umliegenden Ortschaften oblag, dazu ein russisch-unierter Priester, der für die Ukrainer zu sorgen hatte und mit Frau und Tochter im Pfarrhaus wohnte.
Herr Gombold (Tannenbauer) war zur damaligen Zeit im Kirchenvorstand. Er hatte ein Pferdefuhrwerk und hat deshalb öfter damit die notwendigen Fahrten zu den auswärtigen Gottesdiensten und ins Krankenhaus gemacht (er fuhr den Pfarrer dorthin), weil er im Fahren sehr sicher war und Autos zu jener Zeit nicht zur Verfügung standen. Er hat auch Herrn Pater Kentenich ... mit diesem Fuhrwerk nach Westerheim gefahren.
Pfarrer Kulmus ging am 21.04.1945 nach Laichingen, um unseren deutschen Soldaten, die überall in die Wälder flüchteten, die Generalabsolution zu erteilen. Da er bis zum Abend nicht zurück war, ging Pater Kentenich mit seinem Gast, Pater Bezler, mit dem er zuvor im Schwesternhaus (Dorfende / Ulmer Straße) zu Abend gegessen hatte, ins katholische Pfarrhaus, „um zu sehen, wie es dort ging, und was die Schwestern und die Kinder, die während der Angriffe in den Pfarrhauskeller flüchteten, machten“. Als alles in bester Ordnung war, sagte Pater Kentenich zu Pater Bezler, er solle als Beschützer die Nacht über hier bleiben.
Tagesablauf von Pater Kentenich am 10. Mai 1945, Christi Himmelfahrt:
9.00 Uhr : Festmesse mit Predigt (ca. 30 Min), zwei Stunden Öschprozession (Hitze!)
12.00 Uhr Mittagessen (erste Mahlzeit!)
13.30 Uhr Abfahrt mit Pferdefuhrwerk nach Westerheim, Trostpredigt in der Kirche St. Stephanus
17.00 Uhr Abendmesse in Laichingen mit Predigt und Segnung eines MTA-Bildes in der Immakulata-Kapelle
ca. 18.00 Uhr Heimfahrt mit Pferdekutsche
(11. Mai 1945 – Chronik der Schönstätter Marienschwestern)
Der Abend dieses Tages brachte eine große Überraschung: Besuch der holländischen Priester aus Dachau. Wie kam das? Zwei holländische Feldgeistliche hatten sich von Holland her aufgemacht, um ihren Dechanten mit dem Auto abzuholen. Der Chauffeur war ein Pfarrkind des Dechanten aus Nimwegen und hatte sich mit Freude für die Fahrt zur Verfügung gestellt. In Dachau hatten sie dann tatsächlich diesen Herrn – der bei seiner Verhaftung gerade davor stand, zum Bischof von Nimwegen gewählt zu werden – gefunden und noch einen ... Professor ... und einen hoch stehenden Laien. Mehr Personen konnten sie in ihrem Auto nicht unterbrin-gen. Sie wollten aber, nach Holland zurückgelehrt, dort gleich mit einem großen Autobus die vielen holländischen Geistlichen heimholen. – Auf ihrer Fahrt von Dachau nach Holland hatten sie sich verirrt und waren gegen Abend auf der Alb gelandet. ...
Die holländischen Herren sind die kleine Anhöhe zum Pfarrhaus herauf gekommen, als gerade Pater Kentenich auf der anstoßenden Wiese betend auf und ab ging. Diese Wiedersehensfreude! Wie Kinder den Vater‚ so hatten die fremden Geistlichen ihn umringt. Im Pfarrhaus sorgte man dann schnell für ein Abendessen, für Nachtquartiere im Dorf.
(Aus der Pfarrchronik von Ennabeuren, Josef Kulmus)
… Wie wir auch einmal so betrachtend auf- und abgingen auf unserem Schönstattweg [zwischen „Vaterklause“ und Pfarrhaus] da fuhr den „Kronenberg“ herauf ein Ami-Wagen. Es stiegen Ami-Offiziere aus aber auch ein paar sehr zweifelhafte Gestalten. Sie wandten sich dem Küchenfenster des Pfarrhauses zu, das eben geöffnet wurde und an dem meine Schwester Maria erschien. Nach kurzem Hin und Her schauten sie zu uns herauf und plötzlich lösten sich aus der Gruppe der sonderbaren Besucher ein paar „Vagabunden“. Sie stürmten auf Pater Kentenich los und riefen: „Kentenich, Kentenich, dass wir Dich hier treffen!“ Sie begrüßten einander von Herzen!
Was war geschehen? Holländische Kaplane hatten sich in Nijmwegen in Ami-Uniformen geworfen, hatten einen requirierten deutschen Wagen mit dem Ami-Stern versehen und waren so miteinander den Rhein herauf nach Dachau gefahren, dort holländische gefangene Priester gesucht und gefunden und sie eingeladen, nun sie auf dem kürzesten Weg in die Heimat zu bringen. Auf der Heimfahrt benützten Sie die Autobahn, kamen zum Drackensteiner Hang, der gesperrt war, kehrten um und suchten in der Gegend nach einer katholischen Kirche, wurden nach Westerheim hinverwiesen, das zum Teil zerstört war, und landeten nun in Ennabeuren. Wie waren die Gefangenen erstaunt, hier Pater Kentenich, der kurz zuvor Dachau verlassen hatte, wieder zu sehen. Wir saßen lange im Pfarrhaus zusammen. Die Leute brachten, sobald sie etwas von dem eigenartigen Besuch hörten, Brot, Eier, Speck und Milch. „Sie glauben nicht, was dieser Abend für uns Dachauer bedeutet. Dieser Abend, den wir in dieser (Form?) zum ersten Mal wieder in voller Freiheit verbringen dürfen!“ Sie erzählten uns von dem Furchtbren, was sie erlebt hatten. Ein holländischer Offizier, ein (Katholik?), der auch in Dachau war und der auch mit den Priestern mitfahren durfte, bat den evgl. Pfarrer, ihm eine Zeitlang im evgl. Kirchlein Orgel vorzuspielen. Er wolle gleich, soviel er könne, dem lieben Gott für die Befreiung danken! Pater Kentenich zog sich bald zurück. Er wollte den Holländern einen Brief nach Schönstatt, das sie auch besuchen wollten, mitgeben. Er schrieb darin, dass er bald käme und wie er sich darauf freue, Schönstatt und alle wiederzusehen und weiter wirken zu dürfen im Schatten des Heiligtums. Er werde mit einer Kutsche und mit zwei Rösslein nach Schönstatt kommen!
Am andern Morgen war internationale Messfeier. Pater Kentenich sprach in diesem Sinn. Meine Pfarrkinder waren erschüttert, dass sie diese Priester (unter ihnen ein Geistlicher Rat und ein Domkapitular von Nijmwegen und ein Caritasdirektor von Hagenbusch?) in ihrer Dachauer Ausrüstung sahen, mit roten Kreuzen auf dem Rücken, mit zerrissenem Schuhwerk, wie Vagabunden und Handwerksburschen. Ich machte ein paar Aufnahmen von allen. Nach dem Frühstück war Abfahrt.
Die Holländer kamen nur auf großen, weiten Umwegen, wegen der gesprengten Brücken, wieder heim. Schönstatt konnten sie nicht besuchen. Der Brief kam viel später, erst nach Pater Kentenich nach Schönstatt.



