Zeitzeugen
So haben Menschen damals Pater Kentenich erlebt:
Er kommt
aus dreieinhalb Jahren Lagerhaft in Dachau,
ist 60 Jahre alt.
Und er ist von Anfang an
für die Menschen da.
Das Erste, was an Pater Kentenich auffiel, war seine Ruhe. Es ging doch gegen Ende des Kriegs drunter und drüber. Und da kommt ein Mann, der drei Jahre im KZ war, und von ihm geht eine solche innere Ruhe aus. Der Grund ist klar: Pater Kentenich lebte völlig in einer anderen Welt. Diese Geborgenheit in Gott gab ihm die äußere Ruhe.
Pfarrer Otto Moser, Blaustein-Ehrenstein
... Die Predigten, die Pater Kentenich gehalten hat, haben mich sehr beeindruckt. Ich dachte oft: Wo er das herbringt? Das muss von oben kommen, der Heilige Geist spricht aus ihm. Man hat gemerkt, da ist etwas drin in der Predigt, da hat man etwas mit heimgenommen. Drum bin ich jeden Morgen in die Kirche gegangen. Ich habe keine Predigt ausgelassen, trotz der vielen Arbeit.
Maria Hettrich
Es war in dieser Zeit eine Frau Arnold aus Stuttgart da, die ... wegen der vorrückenden Front nicht mehr heimgehen konnte. Pater Kentenich muss diese Frau von früheren Jahren ... gekannt haben. Als er sie in der Predigt sah, kam er nachher auf sie zu und sagte: „Wissen Sie, dass ich heute für Sie gepredigt habe?“ ... Diese Frau war davon ganz weg und konnte sich darüber sehr freuen, dass P. K. sie noch kannte und um ihr Anliegen wusste.
Maria Hettrich
Pater Kentenich war ... ein Kinderfreund. Unser Hans war bei den Schwestern in der Küche. Diese sagten: ... Herr Pater, Sie müssen mal in die Küche hereinkommen, „was wir da für a liabs Büeble hend“. Herr Pater kam herein ... Der Bub hatte Angst, weil Herr Pater schwarz angezogen war. Herr Pater hat dann ein Löffelchen in den Zucker getaucht und ließ den Buben daran schlecken ...
Der Älteste durfte immer Herrn Paters Käppchen aufsetzen.
Maria Hettrich
Pater Kentenich wollte nicht viel erzählen, was er mitgemacht hat in Dachau. Er sagte: Das ist nur eine Lapalie. So war er! Aus ihm hat etwas ausgestrahlt. Das habe ich immer gesagt, das ist nicht wie bei anderen. ...
Er hat mit uns geschwätzt und mit den Leuten Spässle gemacht, hat das nicht so „heraushängen lassen“, wie fromm er ist. Aber man hat das doch gemerkt und gedacht.
Maria Hettrich
Als der Einmarsch der Amerikaner in Ennabeuren war, sind wir ja wunderbar beschützt worden ... Da war plötzlich ein solches Gewitter und Nebel gekommen, obwohl es vorher ganz klar und schön war, so dass die Amerikaner keine Sicht mehr hatten und nicht schießen konnten ... Ich hatte die Ruhe in mir durch Pater Kentenichs Hiersein: Uns passiert nichts. Der Pater ist ja da ... Er sagte in der Kirche am Morgen: Gehen Sie heute mit dem Motto nach Hause: ... Die Mutter wird sorgen!
Maria Hettrich
Ich habe Pater Kentenich nur in der Kirche erlebt, als er die heilige Messe las und die Predigten hielt. Er hat mir immer aus der Seele gesprochen. ...
Als ich einmal in der Kirche geputzt habe, hat er mich angesprochen und sagte: „Die Feierstunden machen uns nicht heilig, aber der raue Alltag ...“
Später brachte mir Schwester X. einmal diesen Satz von Herrn Pater hand¬schriftlich geschrieben aus den Exerzitien mit. Darüber habe ich mich sehr gefreut.
Sophie Spitz
Wir haben in unserem Haus die Gottesmutter und die brennende Kerze auf den Tisch gestellt und den Rosenkranz dazugelegt. Als die Soldaten kamen und hereinschauten, gingen sie sofort wieder. Es ist nichts passiert. Pater Kentenich hat mit ihnen gesprochen und sie haben gehorcht auf den Mann. Durch Herrn Pater haben wir einen Schutz gehabt, davon bin ich überzeugt.
Josefine Hettrich
... Meine Tochter musste für das Vieh etwas Futter holen ... Ich sah, wie der Soldat ihr nachging und hörte, wie meine Tochter aufschrie ... Auf dem Weg oberhalb unseres Hauses betete Herr Pater sein Brevier und hörte uns. Er kam sofort gelaufen und fragte, was sei ... Ich erzählte ihm dann: „Da ist ein Soldat in unsere Scheune gegangen und erschießt mein Mädel.“ Herr Pater ging sofort zur Scheune und sprach mit dem Soldaten. ... Der kam wieder heraus und Herr Pater sagte zu mir: Seien Sie nur ruhig, es passiert nichts. ...
Josefine Hettrich
Pater Kentenich war uns nicht fremd, als er von Dachau zu uns kam. Ungewohnt war nur, dass er seinen Bart nicht mehr hatte. ...
Panzer (kamen) an unserm Haus vorbeigefahren und hinter ihnen her lief Pater Kentenich. „Schau“, sagte meine Mutter, „das ist Pater Kentenich!“ Ganz spontan ... lief ich auf ihn zu und begrüßte ihn.
Frau Enderle
Wenn Pater Kentenich (vom Pfarrhaus aus) zu den Schwestern (ans Dorfende in der Ulmerstraße) ging, musste er immer an unserem Haus vorbei. Jedes Mal … hat er ans Fenster geklopft und sich mit uns unterhalten. Waren wir draußen beschäftigt, kam er auf uns zu und fragte, wie es uns geht.
Frau Enderle
Ich war zehn Jahre alt, als Pater Kentenich von Dachau zu uns nach Ennabeuren kam ...
In guter Erinnerung ist mir der Abschied in der Kirche. Pater Kentenich sagte mit lauter Stimme: „Es bleibt dabei, wir bleiben treu!“ Danach wurde er mit der Pferdekutsche weggefahren. Wir Buben hielten uns an der Kutsche fest und sprangen mit bis zur Ulmer Straße.
Kurt Hettrich
... Noch sehe ich vor mir, wie Häftlinge aus Dachau kamen, abgemagert, in ihren Sträflingsanzügen, mit Holz-pantoffeln, deren Klappern nicht zu überhören war. ...
Die Metzgerei nebenan gab jedem eine Wurst. Dann gingen sie die Treppe hoch ins Pfarrhaus.
Kurt Hettrich
Ich kann mich noch gut an Pater Kentenich erinnern, an seine Predigten ... beim Schülergottesdienst. Zweimal hat er auch Unterricht gehalten und von Dachau erzählt, was uns sehr interessiert hat.
Albana Jungbauer
Da wir in der Nachbarschaft der Schwestern wohnten und eigene Landwirtschaft hatten, konnten wir die Schwestern mit Milch und Brot und manchem anderen versorgen. Es kamen viele Besucher zu ihnen, die mit Pater Kentenich sprechen wollten.
Albana Jungbauer
Eine unvergessliche Freude war es für mich, dass die Pferdekutsche, die Pater Kentenich weggebracht hat, vor dem Schwesternhaus nochmals Halt gemacht hat. Meine Mutter gab mir einen großen Fliederstrauß in die Hand mit der Bitte, ihn an der Kutsche anzubringen.
Albana Jungbauer
Von unserer Wohnung aus sah ich Pater Kentenich oft mit Pfarrer Kulmus die Steinstetter Straße auf und ab gehen, wenn sie einen Besuch in der Kapelle machten.
Frau Metzger
Eines Abends, es war schon dunkel, drang ein Betrunkener aus dem Ort mit einem amerikanischen Soldaten in unser Haus ein. Unsere Mutter war mit uns drei Töchtern allein. Wir schrien laut, und mit Gewalt konnten wir den Soldaten von seinem Vorhaben abbringen und meine Schwester aus der Gefahr retten.
Am andern Tag, als Pater Kentenich wieder an unserm Haus vorbeikam ..., berichtete unsere Mutter ihm den Vorgang. „Herr Pater“, sagte sie, „heute Nacht wären wir beinahe zu Ihnen gekommen.“ Darauf Herr Pater: „Das hätten Sie ruhig machen dürfen.“
Frau Metzger
Als Pater Kentenich im nächsten Jahr (1946) wieder nach Ennabeuren kam, klopfte er seiner Gewohnheit gemäß ... an unser Fenster. Damals hatte ich, als ich ihn begrüßte, unsere Kleinste auf dem Arm, die inzwischen geboren war ... Da sagte er zu mir: „Eines für mich!“ (Gemeint war wohl, dass diese Kleinste einmal in seine Schwesterngemeinschaft eintreten solle.) So hat er immer wieder Scherze gemacht.
Frau Gombold
An einem Strom-Mast waren neue Bestimmungen angeschlagen. Eine Frau hatte Mühe, den Text zu lesen, weil der Anschlag zu hoch oben war. Pater Kentenich hat das gesehen. Er ging auf die Frau zu. Er hat ihr den Text vorgelesen und den Inhalt erklärt.
Schwester M. Ositha Maucher
17. April 1945:
Ein vornehmer Herr im grauen Mantel stieg aus dem Auto, ging auf Schwester Clothilde zu und sagte: „Kennen Sie mich noch?“ – „Nein“ sagte sie, und im gleichen Augenblick: „O ja, an der Stimme.“ Es war unser lieber Herr Pater, er hatte den Hut tief in der Stirne und er war ohne Bart. –
Schwester M. Ositha Maucher
... Aus praktischen Gründen hatte man damals mit dem Gotteshaus einen kleinen Anbau harmonisch verbunden, der wie ein selbständiges Häuschen wirkt. „Hier ist mein Haus, meine Einsiedelei“, erklärte mir Herr Pater strahlend, als wir davor standen und er mir die Haustüre öffnete. Schöner hätte es wirklich nicht sein können! Inwendig vom Flur ausgehend zwei schöne, helle Zimmer – voneinander getrennt durch einen Treppenaufgang, der zur Sakristei beziehungsweise zur Kirche führte – und links als Unterbau der Kirche ein schöner, großer Saal, alles als Pfarrräume, Gruppenzimmer usw. gedacht. Wasserleitung und sonst alles, was zu einer Wohnung gehört, war eingebaut. Wirklich eine ideale Einsiedelei! Vom Flurfenster aus fiel der Blick auf bunt blühende Blumen-beete und die Anlagen der Kirche. Die Fenster der Zimmer gingen auf eine große, weite Wiese, an deren äußerstem Ende das eigentliche Pfarrhaus liegt. Rechts hinter der die Wiese umzäunenden Hecke sah man Äcker – und in der Ferne Berge.
Es war ja wie ein kleines Wunder, dass die kleine Wohnung nicht schon längst von Evakuierten belegt war. Nur mit großer Mühe hatte man sie ... für kirchliche Zwecke freihalten können ohne zu ahnen, welch liebe Gäste sie einmal aufnehmen sollte.
Schwester Maria Esther Grund (Generalleitung, besuchte damals die Filiale der Marienschwestern)
Als ich vom Fenster aus einen Blick auf das Kriegsgewirre warf, sah ich neben den Panzern Pater Kentenich, er sah ganz klerikal aus, weil er heute über seinen Zivilanzug die Soutane von Herrn Pfarrer trug. Er war im Gespräch mit einem amerikanischen Offizier. Er tat es wohl zur Beruhigung der Leute. So hörte ich noch einige Brocken der in gebrochener Sprache geführten Unterhaltung. ... Als Pater Kentenich dann so menschlich mit-fühlend fragte: “And than turn?“, rührte er an das Herz des rauen Kriegsmannes, der wohl an Heimat und Familie erinnert wurde. – Wie viel Heimweh und Innigkeit lag in der kurzen Antwort: “Home, home!“ Und dann wandte er sich rasch den Panzern zu. ...
Schwester Maria Esther Grund (Generalratsschwester, die gerade auf Besuch da war)
Pater Kentenich erschien uns als der Gefangene der Liebe der Mater Ter Admirabilis (Dreimal Wunderbare Mutter von Schönstatt) ... Er sprach in seiner „Dachauer Kluft“ von der Kanzel aus. Er trug schwere Eisen beschlagene Kommiss-Stiefel. In seiner Westentasche trug er eine große Uhr, die mit einem schwarzen Band um den Hals gesichert war. Sein Bart wurde von Tag zu Tag länger, unsere Freude von Tag zu Tag größer.
Pfarrer Josef Kulmus
Ich schenkte Pater Kentenich nicht nur meine Kutsche, sondern auch zwei russische Steppenrösslein, einen Schimmel und einen Rappen ...Er freute sich überaus auf die Fahrt nach Schönstatt mit diesen Rösslein und meinte scherzhaft: „Wenn ich mit diesen Rösslein in Schönstatt einziehe, schauen sie mehr auf diese als auf mich!“ Er übte sich im Ein- und Ausspannen, im Füttern und Tränken und in der Leitung der Rösslein, zusammen mit Kaplan Heinz Dresbach, der am 1. Mai ... (ebenfalls von Dachau) zu uns auf die Alb gekommen war.
Pfarrer Josef Kulmus

